Geistliches Wort

  • Einleitung

    Liebe Besucherin

    Lieber Besucher

     

    Ausserordentliche Situationen rufen nach ausserordentlichen Massnahmen: Das erleben wir alle in diesen Tagen, in unserem persönlichen Umfeld und in unserer Gemeinschaft.

    Ausserordentliche Situationen können aber auch ausserordentliche Ideen und Kräfte freisetzen. Für mich ist «Ein geistliches Wort» ein gutes Beispiel dafür, ein Lichtblick in dunkler Zeit. Ich freue mich sehr, dass unsere Pfarrerinnen und Pfarrer die Initiative ergriffen haben und uns nun jede Woche, in der wir keine Gottesdienste in unseren Kirchen feiern können, an dieser Stelle mit einem Wort des Zuspruchs und der Hoffnung begleiten. So bleiben wir, ganz im Geist des Leitbildes unserer Landeskirche, trotz räumlicher Distanz miteinander verbunden als «eine Weggemeinschaft von Menschen, in der Gott spürbar wirkt und handelt».

     

    Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Lektüre.

     

    Bhüet Sie Gott und bliibed Sie gsund!

    Koni Bruderer, Kirchenratspräsident

  • Geistliches Wort

    Gedanken zu Psalm 24,1.2 und 1. Mose 1

     

    Liebe Lesende

     

    Wir erleben in diesen Tagen und Wochen etwas, das wir nicht oder nicht mehr für möglich gehalten haben: eine Pandemie. Viren, winzig kleine Dinger, bedrohen weltweit die Gesundheit der Menschen und fordern Todesopfer. Am Anfang von Psalm 24 steht geschrieben: «Gott gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und die ihn bewohnen. Denn Gott ist es, der sie auf Meeren gegründet, über Strömen fest errichtet hat.» Im Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose, Kapitel 1 ist mehrmals zu lesen: «Und Gott sah, dass es gut war.»

     

    Da stellen sich Fragen. Denn – auch die Viren sind Teil der Schöpfung. Sind Viren also auch gut? Auf diese Frage gibt es fürs Erste zwei mögliche Antworten. Erstens: Die Schöpfungsgeschichte im 1. Kapitel des ersten Buchs Mose ist im 6. Jahrhundert vor Christus verfasst worden. Damals gab es auf der Erde noch nichts Schlimmes; es war alles gut. Die zweite Antwort: Die Verfasser des Schöpfungsberichts waren naiv. Sie sahen das Schlimme in der Welt nicht und schrieben darum, es sei alles gut.

     

    Die erste Antwort stimmt bestimmt nicht. Auch damals, im 6. Jahrhundert vor Christus gab es Schlimmes in der Welt: Krankheit, früher Tod, Gewalt, Krieg, Hunger. Und auch die zweite Antwort ist mit Sicherheit falsch. Selbstverständlich wussten die Verfasser des Schöpfungsberichts vom Schlimmen in der Welt. Was nun? Ich versuche eine Antwort zu geben.

     

    Ich meine, es muss bei der Betrachtung der Schöpfung zwischen zwei Sichtweisen unterschieden werden. Zwischen der Sichtweise von ausserhalb der Schöpfung, die die ganze Schöpfung, alles Geschaffene als Einheit betrachtet. Und der Sichtweise, bei der der Mensch der Betrachtende ist und der Mensch aus seinem Blickwinkel auf die Schöpfung schaut.

     

    Ich mache ein Beispiel. Es ist unbestritten: Die Erde kennt eine riesige Zahl an wunderschönen Landschaften. Zum Beispiel das schöne Appenzellerland und der eindrückliche Alpstein. Die Vielfalt der Landschaften dieser Erde mitsamt all den Gebirgen ist nur dank der Plattentektonik entstanden. Das heisst, dank den verschiedenen Erdplatten, die sich voneinander weg und aufeinander zubewegen. Zwei Erdplatten, die sich aufeinander zubewegen, schaffen die wunderbaren Gebirgszüge unserer Erde, auch den Alpstein.

     

    Die Plattentektonik ist jedoch auch die Ursache der Erdbeben. Der Erdbeben, die immer wieder Tausende von Menschenleben fordern. Schauen wir Menschen aus unserem Blickwinkel auf die Plattentektonik und auf die von ihr verursachten Erdbeben und Zerstörung, so dominiert das Schlimme, das Böse.

     

    Ähnliches, so denke ich, kann zum Corona-Virus gesagt werden. Wird die Schöpfung als Ganzes betrachtet, so ist der Virus ein Teil der Schöpfung. Es scheint ja, dass der Virus zu gewissen Fledermäusen, auch sie ein Teil der Schöpfung, gehört. Und von diesen Fledermäusen aus, ist der Virus, aus welchen Gründen auch immer, auf uns Menschen übergesprungen. Für uns Menschen ist der Virus, was wir in diesen Tagen schmerzlich erleben müssen, nicht gut. Sondern ein weltweites, grosses Problem. Aufgrund des Virus erkranken viele Menschen, einige sterben sogar daran.

     

    Wir müssen feststellen: Die Verfasser des Schöpfungsberichts haben Recht. Die Schöpfung als Ganzes ist gut. Aber nicht alles in der Schöpfung ist gut für uns Menschen.

     

    Was heisst das jetzt für uns? Wir Menschen sind zum Glück als sehr intelligente und vielseitig begabte Wesen geschaffen. Dank unseren Fähigkeiten können wir gegen das in der Schöpfung, das nicht gut für uns ist, ankämpfen. Wir können zum Beispiel erdbebensicher bauen. Und wir können uns gegen einen Virus impfen. Oder, sofern noch kein Impfstoff vorhanden ist, uns mit anderen Methoden gegen einen Virus zur Wehr setzen. So gesehen, sind die einschneidenden Massnahmen, die der Bundesrat beschlossen hat, sehr angebracht und sinnvoll.

     

    Und noch etwas: Der Corona-Virus ist für uns Menschen schlimm. Aber es gibt ausserhalb des Virus «Dinge» auf dieser Erde, die auch sehr schlimm sind. «Dinge», die auch sehr viele Menschenleben fordern und ganz in der Verantwortung von uns Menschen liegen: zum Beispiel Kriege und Hunger. Wir dürfen in dieser Vorosterzeit, in dieser Passionszeit (Passion bedeutet Leiden) trotz Corona-Epidemie all die Menschen nicht vergessen, die unter Kriegen und an Hunger leiden.

     

    Flurin Battaglia, 18 März 2020