Geistliches Wort

  • Einleitung

     

    Liebe Besucherin
    Lieber Besucher

     

    Ab Pfingsten dürfen wir wieder Gottesdienste in unseren Kirchen feiern. Darüber freuen wir uns, auch wenn immer noch viele Massnahmen und Regeln zu beachten sind und unsere Feiern wohl noch länger nicht im gewohnten Rahmen durchgeführt werden können.

     

    Der Kirchenrat bedankt sich bei allen Pfarrerinnen und Pfarrern, die uns an dieser Stelle in der Zeit des «Lockdown» mit der Botschaft des Evangeliums Worte der Hoffnung und der Zuversicht, der Ermutigung und des Gottvertrauens geschenkt haben.

     

    Wir hoffen, dass Sie sich davon berühren und inspirieren liessen.

     

    Jetzt können wir wieder Sonntag für Sonntag in unseren Gotteshäusern ein geistliches Wort hören. Sie sind herzlich eingeladen, «live» dabei zu sein.

     

    Auf ein baldiges Wiedersehen und bliibed Sie gsund!

     

    Koni Bruderer, Kirchenratspräsident

     

  • Geistliches Wort

    Besinnung zu Pfingsten

     

    Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

     

    Heute feiern wir Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Ohne diesen Geist gäbe es das Christentum nicht. Ohne diesen Geist wäre Jesus und seine Botschaft nur eine Fussnote der Weltgeschichte. Der Glaube der ersten Jüngerinnen und Jünger wäre über Jerusalem nicht hinausgekommen. Das Feuer, das Jesus entfacht hatte, wäre allmählich erloschen und zu Asche verglüht.

     

    Doch Gott wollte, dass die Geschichte Jesu weitergeht. Dass sein Evangelium und seine Hingabe, sein Mut und die Freiheit, die er verkörperte, eine Fortsetzung findet im Leben anderer Menschen.

     

    Deshalb sandte Gott seinen Geist - damals als sie kurz nach seinem Tod zusammengekommen waren in Jerusalem: seine Freundinnen und Freunde, seine Familie.

     

    Wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, so klang das Brausen des Geistes, wird in der Apostelgeschichte erzählt. "Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder", heisst es weiter. "Sie wurden erfüllt vom heiligen Geist und begannen in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab."
    (Apg 2)


    Damit die glühende Kohle nicht zu Asche zerfällt, sondern zu einem Feuer wird, braucht es jemanden, der kräftig hineinbläst, so dass die Flammen lodern, und man das Feuer auch sieht.

     

    Eine solche Frischluft-Zufuhr, einen solchen Energieschub brauchen wir immer wieder und brauchen wir heute ganz besonders. Wir haben ihn nötig als Individuen, aber auch als Gesellschaft und als Kirche, Gemeinschaft der Glaubenden und Zweifelnden. 

     

    Es fehlt uns oft an Mut, Freiheit und Hingabe. Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit uns selbst, und lassen uns von unserer Angst die nächsten Schritte diktieren. In der Corona-Krise hat sich das massiv verstärkt, aber im Grunde bestimmt uns dieser Zeitgeist schon länger: Die Angst etwas falsch zu machen, die abnehmende Bereitschaft, Risiken einzugehen und selbst dafür Verantwortung zu übernehmen und auch der zunehmende Kontrollwahn wirken lähmend.

     

    Gegen diese Angst helfen Versicherungen, Schutzmassnahmen und Hilfspakete nur beschränkt. Es braucht einen neuen Geist, über den wir allerdings nicht einfach so verfügen. Für den wir aber vielleicht durch die Zeit der Krise wieder offener geworden sind; weil eine Bresche in die Routinen und Gewohnheiten geschlagen wurde und mit dem Virus etwas Unerwartetes in die scheinbar gut abgesicherte Welt eingedrungen ist. Das Unverfügbare hat sich zurückgemeldet!

     

    Die Feuerzungen des Geistes entflammten an Pfingsten Herz und Verstand der Jünger. Mit Freimut und ohne Angst traten sie auf und hielten flammende Reden von den grossen Taten Gottes, obwohl sie riskierten, festgenommen zu werden.

     

    In Apg 4, im griechischen Urtext, ist mehrmals von der 'parrhesia' der Jünger die Rede: von ihrem Freimut oder wortwörtlich von ihrem "Alles-sagen", die-Wahrheit-sagen, Frei-sprechen.

     

    Im 2. Korintherbrief heisst es: "Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. "Jegliche Form von Unterwerfung oder von Manipulation anderer ist dem Geist zuwider.-Genauso wie eine eigennützige Interpretation von Freiheit. "Gebt acht", schreibt der Apostel Paulus, "dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe".

     

    Eine ähnliche Ausrichtung der Freiheit ist auch von Augustinus überliefert. "Liebe und tu, was Du willst", hat er gelehrt. Die Liebe orientiert und gestaltet die Freiheit, aber sie schränkt sie nicht ein, oder höchstens im Sinne einer Selbstbeschränkung.

     

    Die Liebe schafft Verständigung über die Sprachgrenzen und andere Barrieren hinweg. "Je ne parle pas français, aber bitte red weiter", heisst es in einem Popsong, der oft am Radio gespielt wird.

     

    Und damit sind wir wieder beim Pfingstwunder: Die Jüngerinnen und Jünger, die vor Begeisterung geradezu glühen, finden plötzlich Worte für Gottes Wirken in der Welt, für die Vergebung, die er schenkt und den Ruf zur Umkehr, Worte, die alle verstehen, weil jeder sie in ihrer Muttersprache hört. - Die Feuerzungen des Geistes lösen die Zungen der Jünger, so dass Aussenstehende den Eindruck hatten, so steht es in der Apostelgeschichte, sie seien "voll süssen Weins".

     

    Ein bewegendes Bild, das mich heiter, aber auch wehmütig stimmt. Weil ich diesen Pfingst-Geist schmerzlich vermisse. Aber wir können ihn nicht machen. Er weht, wo er will. Wir können nur immer wieder um ihn bitten: "Veni Sancte Spiritus! Tui Amoris ignem accende! – Komm Heiliger Geist! Entzünde das Feuer Deiner Liebe!" Amen.

     

    Pfarrerin Andrea Anker, Teufen